Freitag, 14. Oktober 2016

Unter Verdacht Auszug aus Kapitel 3



„Eveline ist verschwunden.“ Henk, der geschiedene Ehemann ihrer Freundin, stand vor Ruths Tür. Sein heftiges Klingeln hatte sie aufgescheucht. Verschwunden? Schon klopfte ihr Herz bis in den Kopf.
„Komm erst mal rein, was ist denn? Warst du in ihrer Wohnung?“
„Ja, natürlich, ich wollte sie abholen, sie öffnete nicht. Ich hab aber ihren Schlüssel, für alle Fälle.“
„Ich habe sie heute Mittag auch nicht gesehen, ich dachte, ihr wäret über Mittag verabredet gewesen. Ich hab keine Ahnung, wo sie sein könnte.“
„Sie geht doch manchmal spazieren, draußen im Park. Könnten wir da mal nach ihr suchen?“ Henk war eindeutig aufgeregt. Hatte ihm Eveline etwas erzählt, was ihm einen Anlass dazu gab?
„Aber sicher, ich zieh mir eben etwas anderes an.“ Ruth hatte es sich zuvor gemütlich gemacht und stand in einem tomatenroten Hausanzug vor ihm.

Sie wollten gerade durch die Hintertür hinaus in den Park, als Ruth einfiel: „Lass uns vorher in der Pflegeabteilung nachfragen. Vielleicht ging es ihr nicht gut, möglicherweise wollte sie sich dort etwas holen  und man hat sie dabehalten.“
„Möglich. Komm.“
Die Idee lag auf der Hand, aber Eveline war nicht dort. Sie mussten nach einer Schwester suchen, es war Wochenendbetrieb und nicht viel los.
„Nein, leider, Frau van Osten ist nicht hier, war auch heute nicht hier“, sagte Schwester Jana. „Ging es ihr nicht gut?“ Sie kannte Eveline offensichtlich, hatte sie hier schon einmal Rat gesucht?

Der Baumbestand im Park war sehr licht. Jeder, der wollte, kam hier hinein und so war es wichtig, dass sich niemand verbergen konnte. Nichts zu sehen. Im hinteren Bereich war ein kleines Törchen in der umlaufenden Hecke, durch das man auf das dahinterliegende offene Feld gelangen konnte, so waren auch längere Spaziergänge möglich.
Und da lag sie. Im Gras. Henk stürzte hin.
„Was ist, was hast du? Hat dir einer was getan? Ruth, komm, hilf mir.“
Eine Blutlache unter ihrem Kopf. Sie war bewusstlos. Ein Überfall? Beide knieten neben Eveline. Wie schmal sie war, die Arme.
„Der Notruf, ich ruf den Notarzt.“ Ruth sprang auf.
„Ja, mach schnell. Sie ist gestürzt, mit dem Kopf auf den Stein. Der verdammte Alkohol.“ Henk kniete neben Eveline, schüttelte sie ein wenig. Da war nichts zu machen, sie blieb bewusstlos - auch als der Notarzt sich um sie bemühte.

„, Die verdammten Hexen‘, das waren Evelines Worte. Kannst du damit etwas anfangen?“ Henk war vom Krankenhaus gleich zu Ruth gekommen, er war im Krankenwagen mitgefahren.
Jetzt sah Ruth klar: Das war es – sie waren es – die Hexen, das waren diese Schwestern. Sie hatten Eveline etwas angetan, was nicht wiedergutzumachen war. Und warum? Eveline hatte gestern Abend noch etwas Neues herausgefunden. Ganz sicher. Sie hatte ihr nichts davon verraten, weil sie sich zuvor gestritten hatten. Über Wunderlich … Wie hatten die Schwestern Eveline dazu gebracht, wieder zu trinken? Was war vorgefallen? Ruth versuchte vergeblich, sich vorzustellen, wie die Zusammenkunft von Eveline und den Schwestern abgelaufen sein könnte. Es war schlimmer als je zuvor. Eveline hatte einen Rückfall, dazu der schwere Sturz.
Henk hatte sie ihren Gedanken überlassen. Jetzt nahm er sie in den Arm und sprach ihr Mut zu. „Nimm es dir nicht so zu Herzen, sie wird sich wieder erholen und wieder die Alte sein.“
Ruth atmete tief ein und stieß einen Seufzer aus, sie wollte Henk so gerne glauben.
„Hat sie dir gestern Abend noch etwas gesagt? Hat sie im Haus mit jemandem gesprochen?“, fragte Henk.
„Keine Ahnung, mir hat sie jedenfalls nichts gesagt.“
Henk seufzte und umklammerte die kleine Tasche, die Eveline bei sich gehabt hatte. „Sie werden das Gehirn entlasten müssen. Sie haben mir alles erklärt, aber ich habe es nicht ganz verstanden. Jedenfalls werden sie sie in ein künstliches Koma legen müssen. Ich komme bald wieder, dann unterhalten wir uns über die Lage.“
„Aber müssten wir denn nicht die Polizei einschalten? Vielleicht ist Eveline nicht gestürzt, sondern gestoßen worden.“ Oder erschlagen worden.
„Das wäre nur eine vage Vermutung. Vernehmen könnte man sie im Augenblick sowieso nicht. Wahrscheinlich hatte sie getrunken – wir wollen doch nicht, dass das aktenkundig wird.“ Nein, das wollte auch Ruth nicht.

Es war unmöglich, jetzt ins Bett zu gehen, Ruth musste nachdenken. Sie musste etwas tun: Da saß eine unschuldige Frau seit zwei Wochen im Gefängnis und hier hatten zwei schuldige Frauen ihre arme Eveline ins Unglück gestürzt. Wie mag das passiert sein? Und, und dann war da ihr schlechtes Gewissen, dass sie Streit angefangen hatte mit Eveline. Es hatte ihr gar nicht gefallen, dass Eveline und Wunderlich – so gut miteinander auskamen. So waren ihre letzten Worte miteinander böse Worte gewesen.

Ruth musste unbedingt zu der Stelle zurückkehren, an der sie Eveline gefunden hatten. Es war längst dunkel. Im Schein ihrer Taschenlampe sah Ruth auf und neben dem Stein Blutspuren. Das war ein recht kleiner Stein, dazu noch der einzige an dieser Stelle, wieso musste sie ausgerechnet auf den stürzen? Was lag da drüben? Ein abgebrochener Absatz. War er von Evelines Schuh? Sie nahm ihn mit.


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