Sonntag, 1. Oktober 2017

Leseprobe Nummer eins - Heimliches Gift

Kapitel 1


Der Glanz der Oktobersonne fiel durch breite Fenster auf die Treppenstufen. Ruth Bergmann stieg langsam hinunter zur Wohnung ihrer Freundin Eveline; Stufe für Stufe begleiteten sie die Worte, die sie heute Vormittag im Kondolenzbuch des Hauses am Kirchberg gelesen hatte: „plötzlich und unerwartet.“

Eveline öffnete ihre Korridortür mit Schwung und zog Ruth herein in ihre Diele. „Ich habe gerade einen Yogitee gemacht. Möchtest du auch einen? Ist schnell aufgebrüht – Tütchen. Kannst natürlich auch Kaffee haben.“ Eveline trat von einem Bein aufs andere, schon auf dem Weg ins Wohnzimmer und in die Küche.
„Yogitee bitte. Ist der gut für die Stimmung?“
Es kam keine Antwort und Ruth setzte sich auf das Zwei-Personen-Sofa im Wohnzimmer, machte es sich bequem und sah sich um. Hell, sonnig, etwas schlampig wie immer bei Eveline. Konnte auch Absicht sein, sah nämlich malerisch aus. Eveline brachte den Tee und ein paar Plätzchen aus der kleinen Küche. 
„Gibt’s was Neues?“, fragte sie und schwenkte die beiden Becher.
„Ich habe mir eben die Todesanzeigen angesehen …“, weiter kam Ruth nicht. Eveline war in ihren Sessel gefallen, der Tee schwappte über.
„Was soll das denn? Todesanzeigen? An einem so schönen Tag. Hast du nichts Besseres zu tun?“ Ihre dunklen Augen musterten Ruth, als zweifelte sie an ihrem gesunden Menschenverstand.
„Ach, entschuldige, Eveline. Du hast Recht, das ist kein Thema für dich.“ Eveline war erst vor kurzem von einer Rehamaßnahme zurückgekommen.
„Na, komm, erzähl. Gab’s was Interessantes?“
„Ich hatte vom Tod einer Nachbarin gehört und wollte mich vergewissern. Es ist die Todesanzeige für die Ehefrau eines früheren Kollegen. Nachbarn hier im Haus, du wirst sie nicht kennen, sie war lange krank.“
„Was stand denn drin in der Anzeige?“
„Die Familie zeigt den Tod von Gertrud Niemann an ‚plötzlich und unerwartet‘.“
„Plötzlich und unerwartet – eine Frau, die länger krank war?“
„Keine Ahnung, was das bedeuten könnte. Wie krank sie war - danach müsste ich eine frühere Kollegin fragen, sie wohnt auch hier im Haus. Sie kannte zumindest den Ehemann, glaub‘ ich, früher ganz gut …“ Ruth legte ihren Kopf schief und sah Eveline an, als wollte sie etwas andeuten.
Das gefiel Eveline offensichtlich. „War er denn damals schon verheiratet?“
„Ja, war er. Er war ihr Chef, für einige Zeit auch meiner. Wenn ich mich recht besinne, war seine Frau ziemlich reich. Er wurde beneidet, Beamtengehälter waren früher nicht gerade üppig.“
„Also die übliche Geschichte: Er ist verheiratet, sie nur Geliebte. An Scheidung nicht zu denken, Geld ist wichtiger als Liebe. Aber“, Eveline holte tief Luft und schwenkte ihren rechten Zeigefinger durch die Luft, „jetzt kann er sie endlich heiraten.“
„Ach je, Eveline, das ist doch lange her. Beide sind mindestens dreißig Jahre älter geworden.“
„Alte Liebe rostet nicht. Und Alter schützt vor Torheit nicht.“
„Sprüche.“
„Vielleicht hat das über die ganze Zeit angedauert“, setzte Eveline ihre Überlegungen fort. „Das halten wir unter Beobachtung.“
„Ach, Eveline.“

Langsam stieg Ruth die Treppen hinauf von der dritten Etage, auf der Eveline ihre Wohnung hatte, zur fünften, auf der sie selbst seit mehr als einem Jahr wohnte. Da hatte sie mal wieder etwas angerichtet. Eveline würde nicht lockerlassen. Als Ruth dann in ihrem Sessel saß und weiter über die Angelegenheit Niemann und Kollegin Hanne Hauser nachdachte, wollte auch sie selbst mehr darüber wissen. Sie ging zu ihrem Sekretär und überlegte, ob nicht in seinen Tiefen, den Schubladen, noch das eine oder andere aus ihrer Berufszeit schlummerte. Fotos vielleicht aus der gemeinsamen Zeit. Aber sie war zu faul, die Arbeitsplatte leer zu räumen, damit sie an die darunterliegenden Schubladen kam.

Eigentlich, ja, eigentlich hätte sie sowieso mal wieder aussortieren müssen, was auf dieser Platte lag. Was sich da immer ansammelte: Die wöchentlichen Essenspläne des Hauses am Kirchberg, die Pläne der Veranstaltungen. Sie wohnte nicht nur hier, sie war Teil einer Gemeinschaft, die mittags im Speisesaal saß und nachmittags die Cafeteria bevölkerte oder an Veranstaltungen im Großen Salon teilnahm. Mal Lesungen, mal Filmvorführungen, mal was Musikalisches. Ruth hatte sich an die Rundumbetreuung gewöhnt und fand sie angenehm.
Aus dem Aufräumen wurde nichts, Ruth sank wieder in ihren Sessel und dachte an die Formulierung „plötzlich und unerwartet“. Der Tod einer seit langem schwer kranken Frau.




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