Donnerstag, 12. Oktober 2017

Heimliches Gift - Ende Kapitel eins


Im Speisesaal war es wieder recht laut am nächsten Tag; noch hatten nicht alle ihr Essen auf dem Tisch, da war Zeit für einen mehr oder weniger lebhaften Meinungsaustausch. So schlimm waren die Zeiten noch nie gewesen. Die Türkei, die USA, die schrecklichen Kriegswirren im Nahen Osten. Über die heimische Politik wurde vorsichtshalber nicht diskutiert.

Ruth und Eveline saßen an ihrem Zweipersonen-Tisch an der Längswand des Saals, hier war es ein wenig ruhiger. Ruth hatte den Blick auf die Eingangstüren und auf die Küchentüren daneben, die sich ständig öffneten und schlossen, das Servieren begann. Eveline konnte durch die Fenster hinaussehen und berichtete gelegentlich über die Vorbeifahrt von Lastwagen, Feuerwehrautos oder besonders teuren Karossen.

„Müsstest du nicht mal wieder zum Doktor gehen?“, fragte Eveline, senkte ihren Blick und stocherte im Gemüse herum, Wirsing.
„Wieso denn das? Ich fühle mich wohl – oder sehe ich so schlecht aus?“ Ruth ließ ihr Besteck fast fallen und starrte Eveline an.
„Nein, nein, du siehst aus wie immer.“
„Das ist auch kein Kompliment“, meinte Ruth. „Also, wieso ein Arztbesuch?“
„Das liegt doch auf der Hand. Wollten wir nicht herausbekommen, wieso Frau Niemann so unerwartet gestorben ist? Du könntest diese Frau Doktor Weise ganz unauffällig danach fragen, ihr wart doch beide bei der Trauerfeier.“ Ruth verstand, war aber abgeneigt.
„Ach, weißt du, das geht uns doch eigentlich gar nichts an. Und wenn sie etwas damit zu tun hat, wird sie die Frage gar nicht gern hören. Warum soll ich sie in Verlegenheit setzen?“
„Spielverderber.“ 

Hilde Wintzig, Friedhelm Angerhaus und Ruth schlenderten auf die Cafeteria zu, sie wollten nach der Montagabend-Diskussion ihrer Gruppe noch ein Gläschen Wein trinken. Und lästern, natürlich. Das taten sie meistens nach dem Treffen des Geschichtsvereins.
„Wir müssen ganz unbedingt dafür sorgen, dass weitere Interessenten unserem Geschichtsverein beitreten und an unseren Diskussionen teilnehmen; immer die gleichen Argumente, immer die gleichen Erinnerungen, das wird langweilig“, begann Hilde. Ruth und Friedhelm nickten, aber woher nehmen …
Ruth war vor ein paar Monaten Mitglied des „Geschichtsvereins“ geworden. Das Interesse war breit gefächert, sie hatte zum Beispiel die Geraden Wege kennengelernt, das Lieblingsthema von Angerhaus, dem pensionierten Lehrer. Sie hatten sogar einen Ausflug ins Sauerland unternommen, wo von vielen interessanten Straßen die Rede war. Es wimmelte sozusagen davon, Originalton Eveline, der Ruth davon erzählt hatte.
„Eveline wird ganz sicher demnächst teilnehmen. Allerdings geht es ihr wie mir: Die Geschichte beginnt erst wirklich bei den Römern.“ Angerhaus lachte, das kannte er. Heute trug er einen dunklen Pullover über seinem wohlgebügelten Hemd. Und sah doch eigentlich ganz gut aus, fand Ruth.
„Und was ist mit den alten Griechen?“, fragte er und guckte ein wenig verschmitzter. Will er mich herausfordern?
Ruth ließ sich nicht herausfordern, sondern hatte ein Argument parat, das zog. „Du musst bedenken, die Römer haben wir hier im Rheinland hautnah. Da ist vieles zu besichtigen, ich will im nächsten Jahr mal mit Eveline in die Eifel fahren und eine Besichtigungstour starten. Jetzt ist es schon zu kalt.“
„Wir könnten zusammen mal etwas hier in der Nähe ansehen, wie wär’s zum Beispiel mit Xanten?“ Hilde schaltete sich ein. „Wir haben mit den Senioren der Volkshochschule eine sehr interessante Führung dort gehabt. Es wird immer wieder etwas ausgegraben.“ Ruth fiel ein, dass Hilde während ihrer Berufstätigkeit eine der Volkshochschulen im Umland geleitet hatte.
„Nicht schlecht.“ Angerhaus schien einverstanden. Er wandte sich aber an Ruth und fragte: “Die nette Person gestern an Eurem Tisch in der Cafeteria – ob die nicht vielleicht Interesse am Geschichtsverein hat? Du kennst sie anscheinend gut.“
„Wär‘ möglich“, antwortete Ruth und dachte, dass eine gewisse Nähe zu Hanne Hauser nicht schlecht wäre – da war doch der Verdacht zu klären.
„Ich werde sie fragen, sie ist wirklich sehr nett.“
Hilde kam auf die Fahrt nach Xanten zurück, sie würde sich auf eine neue gemeinsame Fahrt freuen. Das schien tatsächlich so zu sein, ihre sonst immer blassen Wangen hatten an Farbe gewonnen, das machte sie gleich ein wenig jugendlicher. Da hatten sie also einen Plan für das nächste Jahr. Schön. Schön für ältere Damen, die sich über jede Abwechslung freuten. Übrigens nicht nur kultureller Art.
Hilde sah sich um, ob jemand zu nahe bei ihnen saß und flüsterte: „Es wird schon wieder über Sterbehilfe geredet.“
Auch Friedhelm sah sich erst einmal um, fuhr sich durch seine immer noch blonden Haare und fragte dann: „Niemann?“
Ruth saß ganz still dabei, gut, dass Eveline nicht mitgekommen war.
„Ja, Frau Niemann“, sagte Hilde. Dann sah sie Ruth auffordernd an. Als die schwieg, flüsterte sie wieder: „Du musst doch mehr darüber wissen. Warst du nicht bei der Trauerfeier?“
„Das war ich, ja, aber ihr denkt doch nicht, dass über ein solches Gerücht bei einer Trauerfeier geredet wird.“
„Wie haben sich die Angehörigen denn verhalten?“ Friedhelm war genauso neugierig wie Hilde.
„Etwas seltsam schon, die Söhne hielten deutlich Abstand vom Vater.“ Das war Ruth tatsächlich aufgefallen. Und die Bemerkungen des Sohnes waren ihr noch in Erinnerung. Sollte sie etwas dazu sagen?
„Der Ehemann kann‘s nicht gewesen sein, der war zu der Zeit, als seine Frau starb, gar nicht zu Hause.“ Hilde hatte sich anscheinend umgehört. Sollte sie jetzt die Nichte ins Gespräch bringen, fragte sich Ruth, die Überlegung war jedoch überflüssig. Hilde fuhr fort: „Es gibt da eine Nichte, die Ärztin ist, praktiziert hier am Ort, Frau Doktor Weise. Hält nebenher hier im Haus Sprechstunden ab, jeden Mittwoch, sie hat einen Raum innerhalb der Pflegeabteilung.“
Das war Ruth neu, sie war in die Praxis am Markt gegangen, wenn sie Blutdrucktabletten brauchte. Angerhaus wusste anscheinend davon, fand das praktisch. Pries in den höchsten Tönen die Fähigkeiten der Frau Doktor und hob hervor, wie gut sie aussieht. Hilde guckte ein bisschen grämlich und Ruth fiel ein, dass da mal etwas gewesen war, zwischen Hilde und Friedhelm. Hilde hatte heute wieder ein Twinset in grau an, was sie leider nicht attraktiver machte. Es gab Leute, die sie immer schon eine graue Maus nannten. Aber da war sie nicht die einzige hier im Haus am Kirchberg, dachte Ruth.
„Praktisch, eine Ärztin in der Familie. Frau Niemann soll sehr krank gewesen sein…“ Hilde kam zum Thema zurück.
„Du kannst dir also vorstellen, dass sie …“, fragte Ruth.
„Vorstellen kann man sich vieles“, mischte Friedhelm sich ein. „Ich will es mir nicht vorstellen. Das ist doch strafbar und wir sollten keine Gerüchte in die Welt setzen.“ Er hatte die Lust am Spekulieren anscheinend verloren.
Hilde lehnte sich über den Tisch zu ihm hin und flüsterte: „Du hast doch selbst davon angefangen am Samstagabend. Du hast nicht weit vom Tisch der Trauergesellschaft gesessen, und ...“ Mehr wollte Hilde jetzt wohl nicht sagen, sie lehnte sich also wieder zurück und blickte auf ihr inzwischen geleertes Glas.
„Trinken wir noch ein Glas?“, fragte Friedhelm, der den Blick bemerkt hatte und anscheinend nicht über den Samstagabend reden wollte.
Ruth und Hilde meinten, sie seien müde und wollten schlafen gehen, und Friedhelm schien das recht zu sein.
Ruth wollte noch über das Gehörte nachdenken. Sollte es tatsächlich ein Fall von Sterbehilfe sein? Das ging sie nichts an, das war eine private Entscheidung. Andererseits – wieso hatte Frau Niemann ihre Söhne zu sich gerufen und hatte dann ihr Kommen nicht abgewartet? 

Sonntag, 8. Oktober 2017

Heimliches Gift - Fortsetzung Kapitel 1


Am nächsten Tag, einem Samstag, hatte Ruth Gelegenheit, die ganze Familie Niemann kennenzulernen: die Trauerfeier. Sie hatte ihr dunkles Kostüm hervorgeholt, das für solche und ähnliche Anlässe vorgesehen war. Sie fand, dass es gut zu ihren grauen Haaren passte, außerdem versteckten sich ihre Pölsterchen freundlicherweise unter der locker geschnittenen Jacke.
Der Allzweckraum mit dem Namen Wuppertal hatte sich in eine Andachtsstätte verwandelt. Große Messingkerzenleuchter, üppige Blumengebinde. Darunter die Urne. Stühle in einem Halbrund angeordnet. Ganz vorn saßen drei schwarzgekleidete Herren neben ebenso schwarzgekleideten Damen, die Familienangehörigen. Ein geistlicher Herr hielt eine kurze Andacht, fand sehr persönliche Worte. Die Damen weinten. Einer der Söhne sprach ebenso zur Trauergemeinde. Ruth wunderte sich, wie gut Niemann noch aussah, er musste die achtzig überschritten haben. Er hatte Ähnlichkeit mit einem Schauspieler, der gern Nusspralinen mochte und sie im Fernsehen bewarb … Wie heißt er doch gleich? Sky Dumont.

Ruth hatte den Eindruck, dass sich die Trauer unter den Anwesenden in Grenzen hielt. Was für ein Mensch mochte Gertrud Niemann gewesen sein? Ein Nachbar aus dem Haus, er saß rechts neben ihr, schien allerdings sehr ergriffen zu sein, er weinte und seine Frau musste ihn trösten.
Man bat zum anschließenden Leichenschmaus in einem Nebenraum, genau wie bei einer Beerdigung. Es war eine Kaffeetafel gedeckt und das Ritual nahm seinen Lauf. Es dauerte allerdings nicht lange, bis die Gesellschaft sich auflöste. Ruth ging ganz in Gedanken versunken in Richtung Fahrstuhl und schreckte hoch, als sich einer der Söhne zu ihr gesellte.
„Sie haben meine Eltern gut gekannt, nicht wahr?“, fragte er. „Ich habe Sie beim Geburtstag meiner Mutter gesehen.“ Ruth erinnerte sich auch und antwortete, dass sie seine Mutter leider nur kurz gekannt hatte, wohl aber den Vater aus ihrer Berufszeit kenne.
„Wir waren so überrascht von ihrem plötzlichen Tod.“ Er machte eine Pause und sprach leise weiter: „Wie gern hätten wir noch Abschied genommen.“
„Ja, es ist immer zu früh, selbst wenn eine lange Krankheit zu schaffen macht.“
“Sie hatte uns dringend gebeten zu kommen, dann war es zu spät. Was mag sie gewollt haben?“, fügte er noch an. Die letzten Worte waren offensichtlich nicht für Ruth bestimmt, so leise hatte er gesprochen. Er nickte ihr zu und zog seine Frau an seine Seite, die bisher neben einer jüngeren Frau gegangen war. Ruth kannte sie aus der Arztpraxis am Markt, Frau Doktor Weise. „Die Nichte“, wisperte eine Nachbarin ihr zu.

„Frau Niemann ist wohl tatsächlich ganz plötzlich gestorben, sie hatte ihre Söhne gebeten zu kommen – sie kamen zu spät.“ Ruth saß wieder in Evelines Wohnung und berichtete.
„Woher weißt du das denn?“
„Einer ihrer Söhne hat es erwähnt.“
„Vielleicht wollte sie ihr Testament ändern und ihr Mann hat es verhindert.“ Eveline lächelte vergnügt, endlich wieder eine Abwechslung. Ruth war empört, oder tat sie nur so? Sie wusste es selbst nicht.
„Eveline! Liest du die Krimis oder ich?“
„Du, aber ich habe Fantasie.“ Sie sahen sich stumm an, jede wusste von der anderen, was sie dachte: Das mit dem Testament kann stimmen. Eveline ging einen Schritt weiter. „Könnte auch Sterbehilfe gewesen sein.“
„Ja, stimmt. Nach einer langen schweren Krankheit, da möchte man vielleicht nicht mehr weiterleben. So – jetzt hast du die Auswahl, liebe Eveline.“
„Ja, nach einer langen schweren Krankheit dann ‚plötzlich und unerwartet‘ … Und wie finden wir das heraus?“ Eveline rutschte aus ihrem Sessel nach vorn.
„Wir?“, fragte Ruth und blickte ihre Freundin herausfordernd an.
„Ja, wir, bisher waren wir doch erfolgreich mit unseren Theorien.“ Da ist was dran.
„Es gibt da eine Nichte, die Ärztin ist.“
„Ha! Ärztin!“
„Das wäre die Richtung Sterbehilfe. Mord wäre wohl die Sache des Ehemannes.“ Ruth ließ sich mitreißen, auch sie spekulierte gern. Das war ihr Ausgleich zu einem nüchternen Beruf gewesen und jetzt zu einem ziemlich langweiligen Lebensabend.
„Das ist eine Aufgabe für die nächsten Wochen“, meinte Eveline und lehnte sich wieder in ihren Sessel zurück. Sie leckte sich ihre tiefrot geschminkten Lippen, ihre Augen leuchteten, ganz die alte Eveline, dachte Ruth. Sie sieht wohl schon die Beute vor Augen.



Telefon: „Hast du Lust auf einen Sonntagsnachmittagskaffee?“ Eveline klang unternehmungslustig.
„Ja, warum nicht? Wo?“
„Was hältst du von einem Besuch in der Cafeteria, Leute begucken.“ Eveline.
„Ich setz‘ mich in Bewegung, bis gleich.“ Das machte Ruth auch und fuhr mit dem Aufzug hinunter ins Erdgeschoss. Mit ein paar Schritten nach rechts war sie vor den Glastüren der Cafeteria, die sich auf Annäherung öffneten. Altengerecht, dachte sie mal wieder. Sie war früher da als Eveline und suchte einen Platz nahe bei den Fenstern auf der gegenüberliegenden Seite aus. Leider gab es zu dieser Jahreszeit draußen nicht mehr viel zu sehen; in dem kleinen Garten war es herbstlich geworden, auch die letzten Rosen fast verblüht. Aber von hier aus hatte man den Blick frei auf die Türen, von wegen „Leute gucken“.
„So allein heute?“, fragte Frau Bauer, die netteste Bedienung, wie Ruth fand.
„Nein, Frau van Osten kommt gleich.“
„Frau van Osten, wie geht es ihr denn? Das war eine schlimme Zeit, als sie im Koma lag.“ Im Haus am Kirchberg blieb nichts verborgen, das wusste Ruth seit langem.
„Ach, es geht wieder ganz gut, Sie werden es selbst sehen.“
Und da kam sie, wie immer tiptop gekleidet. In Samt und Seide, so nannte sie das selbst, auch wenn es mal Baumwolle war.
An der Kuchentheke wurde beratschlagt, was denn wohl am besten schmecken würde und man entschied sich heute für Champagnertorte. Ruth schweren Herzens, sie überschlug die Kalorienanzahl des heutigen Nachmittags und warf einen neidischen Blick auf die zarte Figur ihrer Freundin Eveline. Sie selbst bezeichnete sich schon mal als kompakt.
Frau Bauer brachte neben der Torte den obligatorischen Milchkaffee an den Tisch und verkniff sich eine Bemerkung zu den überstandenen Wochen. Nur ja nichts Negatives ansprechen –  Devise des Hauses, in dem sehr viel Negatives passierte. Der Schwund ist groß, pflegte Eveline zu sagen. Worauf Ruth für gewöhnlich den Kopf schüttelte und sagte: „Ach, Eveline.“
Die Champagnertorte war schnell verspeist, ein zweiter Milchkaffee bestellt. Die Ausbeute an Leuten, die sich zu begucken lohnte, war heute mäßig, obwohl die Cafeteria sehr gut besetzt war.
„Übrigens sehe ich eben Hanne Hauser – du weißt schon –  hereinkommen, sie geht zur Kuchentheke.“ Neben dem Eingang hatten sie die Kuchentheke links davon im Blick.
“Kannst du sie nicht fragen, ob sie an unseren Tisch kommen möchte?“
„Ja, warum nicht. Sie ist ganz nett. Ich geh zu ihr.“
Hanne Hauser war offensichtlich erfreut über die Einladung an den Tisch, denn es war recht voll in der Cafeteria, das Übliche an einem Sonntagnachmittag. Ziemlich viele Gäste – die einen gern bei Oma und Opa, sie unterhielten sich lebhaft; andere schienen sich zu langweilen und stopften mürrisch Kuchen in sich hinein.

„Ich darf mal bekanntmachen … eine alte Freundin … eine alte Kollegin.“ Ruth stellte vor und nannte die Namen. Hanne war recht konventionell gekleidet, Rock und Bluse, was gut zu ihrem Typ passte. Schlank und ein wenig sportlich, auch die Frisur, dunkelblondes Haar. Ruth sah Eveline an, dass sie das mit einem Blick erfasste und sich vielleicht fragte, ob die Haare gefärbt waren.
Eveline, neugierig wie immer, fasste die „alte Kollegin“ gleich am Arm, als sie sich neben sie gesetzt hatte, und fragte: „Waren Sie gestern auch bei der Trauerfeier?“
Ruth erstarrte und wusste nicht, wohin sie schauen sollte. Sie sah hinaus in den Garten und bekam nicht mit, welchen Gesichtsausdruck die Frage bei Hanne Hauser hervorrief.
„Ach nein“, sagte die ganz ruhig, „mit Trauerfeiern hab‘ ich es nicht so. Und wenn Sie die Trauerfeier Niemann meinen, ich war gar nicht dazu eingeladen.“
Ruth wandte sich ihr jetzt zu und sagte: “Oh, je, ich bin uneingeladen hingegangen. Das ist mir jetzt peinlich.“ Das war es tatsächlich. Hatte sie sich aufgedrängt? Sie hatte nicht den Eindruck gehabt, dass man sich über ihre Anwesenheit gewundert hatte.
„Ich kenne die Familie Niemann natürlich, aber – wie gesagt – Trauerfeiern sind nicht so mein Ding. Sollen hier im Haus immer sehr würdig ausgerichtet werden, habe ich mir sagen lassen.“ Hanne Hauser wandte sich ihren Bestellungen zu, Ruth und Eveline wünschten „guten Appetit“ und wussten beide nicht recht, was sie nun sagen sollten. Hanne Hauser vielleicht auch nicht, aber die hatte einen Grund zu schweigen: Kaffee und Kuchen.
„Frau Niemann soll lange krank gewesen sein.“ Eveline schreckte wieder vor nichts zurück. „Ich kannte sie gar nicht, bin noch nicht lange im Haus und war eine Zeitlang im Krankenhaus.“
„Ja, ich weiß, Sie hatten einen schweren Unfall, wurde viel darüber geredet.“ Auch Hanne Hauser schreckte vor nichts zurück. Gar nicht der Stil des Hauses am Kirchberg. Eveline schwieg, die Ursache für ihren Krankenhausaufenthalt lag im Dunklen, sie selbst erinnerte sich an nichts.
Ruth versuchte, von Krankheit und Trauerfeiern weg zu kommen und wandte sich an Eveline.
„Frau Hauser und ich haben uns vor langen Jahren auf einer Fortbildung kennengelernt, daher duzen wir uns.“
„Anschließend sind wir dann in verschiedene Referate der OFD, Oberfinanzdirektion, versetzt worden“, fuhr Hanne Hauser zu Eveline gewandt fort. „Daher kenne ich übrigens Herrn Niemann, er war unser Chef. Die OFD Düsseldorf haben sie irgendwann aufgelöst.“
Bevor sich die beiden Pensionärinnen in ein Fachgespräch vertiefen konnten, unterbrach Eveline sie. „Und wie waren die Chefs damals so?“
Hanne Hauser pickte die letzten Kuchenkrümel auf und lachte. „Der Niemann war von Anfang an sehr nett, nicht wahr? Anders als deine spätere Chefin, die Schlosser. Ich weiß, dass du dich oft über sie geärgert hast.“
„Stimmt, so was von pingelig.“ Ruth wunderte sich, dass Hanne so unbefangen von Niemann sprach, sollten die Gerüchte nur Gerüchte gewesen sein?

„Unbefangen?“, sagte Eveline später, als sie wieder alleine waren und über ihre Eindrücke sprachen, „eiskalt!“

Sonntag, 1. Oktober 2017

Leseprobe Nummer eins - Heimliches Gift

Kapitel 1


Der Glanz der Oktobersonne fiel durch breite Fenster auf die Treppenstufen. Ruth Bergmann stieg langsam hinunter zur Wohnung ihrer Freundin Eveline; Stufe für Stufe begleiteten sie die Worte, die sie heute Vormittag im Kondolenzbuch des Hauses am Kirchberg gelesen hatte: „plötzlich und unerwartet.“

Eveline öffnete ihre Korridortür mit Schwung und zog Ruth herein in ihre Diele. „Ich habe gerade einen Yogitee gemacht. Möchtest du auch einen? Ist schnell aufgebrüht – Tütchen. Kannst natürlich auch Kaffee haben.“ Eveline trat von einem Bein aufs andere, schon auf dem Weg ins Wohnzimmer und in die Küche.
„Yogitee bitte. Ist der gut für die Stimmung?“
Es kam keine Antwort und Ruth setzte sich auf das Zwei-Personen-Sofa im Wohnzimmer, machte es sich bequem und sah sich um. Hell, sonnig, etwas schlampig wie immer bei Eveline. Konnte auch Absicht sein, sah nämlich malerisch aus. Eveline brachte den Tee und ein paar Plätzchen aus der kleinen Küche. 
„Gibt’s was Neues?“, fragte sie und schwenkte die beiden Becher.
„Ich habe mir eben die Todesanzeigen angesehen …“, weiter kam Ruth nicht. Eveline war in ihren Sessel gefallen, der Tee schwappte über.
„Was soll das denn? Todesanzeigen? An einem so schönen Tag. Hast du nichts Besseres zu tun?“ Ihre dunklen Augen musterten Ruth, als zweifelte sie an ihrem gesunden Menschenverstand.
„Ach, entschuldige, Eveline. Du hast Recht, das ist kein Thema für dich.“ Eveline war erst vor kurzem von einer Rehamaßnahme zurückgekommen.
„Na, komm, erzähl. Gab’s was Interessantes?“
„Ich hatte vom Tod einer Nachbarin gehört und wollte mich vergewissern. Es ist die Todesanzeige für die Ehefrau eines früheren Kollegen. Nachbarn hier im Haus, du wirst sie nicht kennen, sie war lange krank.“
„Was stand denn drin in der Anzeige?“
„Die Familie zeigt den Tod von Gertrud Niemann an ‚plötzlich und unerwartet‘.“
„Plötzlich und unerwartet – eine Frau, die länger krank war?“
„Keine Ahnung, was das bedeuten könnte. Wie krank sie war - danach müsste ich eine frühere Kollegin fragen, sie wohnt auch hier im Haus. Sie kannte zumindest den Ehemann, glaub‘ ich, früher ganz gut …“ Ruth legte ihren Kopf schief und sah Eveline an, als wollte sie etwas andeuten.
Das gefiel Eveline offensichtlich. „War er denn damals schon verheiratet?“
„Ja, war er. Er war ihr Chef, für einige Zeit auch meiner. Wenn ich mich recht besinne, war seine Frau ziemlich reich. Er wurde beneidet, Beamtengehälter waren früher nicht gerade üppig.“
„Also die übliche Geschichte: Er ist verheiratet, sie nur Geliebte. An Scheidung nicht zu denken, Geld ist wichtiger als Liebe. Aber“, Eveline holte tief Luft und schwenkte ihren rechten Zeigefinger durch die Luft, „jetzt kann er sie endlich heiraten.“
„Ach je, Eveline, das ist doch lange her. Beide sind mindestens dreißig Jahre älter geworden.“
„Alte Liebe rostet nicht. Und Alter schützt vor Torheit nicht.“
„Sprüche.“
„Vielleicht hat das über die ganze Zeit angedauert“, setzte Eveline ihre Überlegungen fort. „Das halten wir unter Beobachtung.“
„Ach, Eveline.“

Langsam stieg Ruth die Treppen hinauf von der dritten Etage, auf der Eveline ihre Wohnung hatte, zur fünften, auf der sie selbst seit mehr als einem Jahr wohnte. Da hatte sie mal wieder etwas angerichtet. Eveline würde nicht lockerlassen. Als Ruth dann in ihrem Sessel saß und weiter über die Angelegenheit Niemann und Kollegin Hanne Hauser nachdachte, wollte auch sie selbst mehr darüber wissen. Sie ging zu ihrem Sekretär und überlegte, ob nicht in seinen Tiefen, den Schubladen, noch das eine oder andere aus ihrer Berufszeit schlummerte. Fotos vielleicht aus der gemeinsamen Zeit. Aber sie war zu faul, die Arbeitsplatte leer zu räumen, damit sie an die darunterliegenden Schubladen kam.

Eigentlich, ja, eigentlich hätte sie sowieso mal wieder aussortieren müssen, was auf dieser Platte lag. Was sich da immer ansammelte: Die wöchentlichen Essenspläne des Hauses am Kirchberg, die Pläne der Veranstaltungen. Sie wohnte nicht nur hier, sie war Teil einer Gemeinschaft, die mittags im Speisesaal saß und nachmittags die Cafeteria bevölkerte oder an Veranstaltungen im Großen Salon teilnahm. Mal Lesungen, mal Filmvorführungen, mal was Musikalisches. Ruth hatte sich an die Rundumbetreuung gewöhnt und fand sie angenehm.
Aus dem Aufräumen wurde nichts, Ruth sank wieder in ihren Sessel und dachte an die Formulierung „plötzlich und unerwartet“. Der Tod einer seit langem schwer kranken Frau.




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Samstag, 26. August 2017

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Der Verkauf von Unter Verdacht ist eröffnet

und darum gibt's jetzt wirklich keine neuen Leseproben mehr. Das Taschenbuch gibt's überall, wo es Bücher zu kaufen gibt, 10.00 Euro, und bei Amazon.
Das E-Book ist exklusiv bei Amazon erschienen, es kostet 2,99 Euro. Wer keinen kindle hat, kann bei Amazon eine App fürs Tablet herunterladen. Auf dem Computer lesen ist, ehrlich gesagt, nicht so angenehm.

Montag, 28. November 2016

Allerletzte Leseprobe Unter Verdacht

 Unter Verdacht 
 Kapitel 6 Anfang
„Guten Morgen, Frau Kolb. Herr Angerhaus hat mir inzwischen so viel von den interessanten Themen Ihres Geschichtsvereins erzählt, dass ich gern einmal dazukommen möchte.“ Ruth gedachte, den Stier bei den Hörnern zu fassen. Bei einer Zusammenkunft könnte sie vielleicht das eine oder andere mitbekommen.
„Geschichtsverein?“, fragte Frau Kolb. „Ach ja, jeder nennt unsere Zusammenkünfte anders. Auch Ihnen einen guten Morgen, Frau Bergmann. Natürlich freuen wir uns, wenn Sie dazukommen, vielleicht können Sie unsere Themen ergänzen. Ich habe gehört, dass Sie sich für romanische Kirchen interessieren.“ Gute Kommunikation unter den Dreien.
„Ja, tatsächlich, ich habe mich mal im Norden von Düsseldorf umgesehen. Kaiserswerth, Kalkum, Wittlaer und ein Vorort von Duisburg – Mündelheim. Schöne Kirchen mit reicher Geschichte.“
„Also herzlich willkommen. Wir treffen uns immer montags, in wechselnder Runde. Um zwanzig Uhr heute Abend im Raum Wuppertal, den stellt man kleinen Gruppen wie uns netterweise zur Verfügung.“


Das war geschafft. Ob sie wohl so etwas wie eine inoffizielle Aufnahmeprüfung zu bestehen hatte? Sie hatte tatsächlich vor ein paar Jahren Ausflüge zu diesen Kirchen unternommen. Hatte sich Notizen gemacht. Doch wo waren die? Papier? Nein – Computer. Nichts. Zu lange her. 2006. Da half nur der museumsreife Speicherstick aus ferner Vergangenheit. Tatsächlich. Schnell das Wichtigste auf Word übertragen und ausgedruckt.
Ruth erinnerte sich, dass sich die romanischen Kirchen mit etwas berührten, was sie interessierte: Römer im Rheinland. Natürlich über einige Ecken. Die Kirchen in Mündelheim, Wittlaer und Kalkum waren von drei „Juffern“ gegründet worden. Da gab es einiges nachzulesen. Aber die Verbindung zu den alten Römern war klar: die „drei Matronen“. Kurz rekapituliert – Hauptheiligtum Bonn, viele Weihesteine in der Eifel. Davon hatte Eveline ihr mal Bilder gezeigt. Ruth kannte sie aus der Literatur. Ha! Da konnte sie Wintzig beweisen, dass auch sie selbst Kenntnisse hatte. Wieso eigentlich der Wintzig?
Ruth hielt den Speicherstick in der Hand und musste grinsen: 128 MB Kapazität. Sie erinnerte sich genau an den Tag der ersten Begegnung mit diesen Wunderdingern. Herr Oppermann kam in den Computer-Club und rief triumphierend aus: „So etwas habt ihr noch nicht gesehen!“ Das stimmte. Eine höchst willkommene Ergänzung des mageren Speichers im PC. Und man konnte die Daten transportieren. Das führte Herr Oppermann gleich vor. Der arme Herr Oppermann, auch schon tot.

„Kommen Sie herein, Sie sind uns willkommen“, sagte Gudrun Kolb, als Ruth vorsichtig die Tür zum Raum Wuppertal öffnete. Beinahe wäre sie zurückgeprallt – der Raum war voll. Gudrun Kolb natürlich, präsidial am Kopf des Tisches thronend, nahe der Tür, links neben ihr Friedhelm, rechts neben ihr Wintzig. An Friedhelm schlossen sich an das Ehepaar Overkamp und Frau Heltrup. Neben Wintzig ein Ehepaar, das Ruth zwar vom Sehen kannte, nicht aber ihren Namen. Sie nahm also gegenüber von Frau Heltrup Platz. Sah sehr nett aus, fand Ruth, sehr gepflegt, schicke Frisur – echt blond? Die blauen Augen, die von der modischen Brille fast verdeckt wurden, hätten dazu gepasst. Seltsam, wie wenige Nachbarn eine Brille trugen. Vielleicht das Ergebnis gelungener Staroperationen?
Auf den zusammengerückten Tischen standen Gläser und die obligatorischen Wasserflaschen. Der Platz gegenüber von Gudrun Kolb war leer. Würde er wohl auch bleiben, denn Frau Kolb begrüßte jetzt die Teilnehmer. Es war wohl Glorias Platz gewesen. Gudrun stellte Ruth kurz vor. „Sie kennt sich mit romanischen Kirchen aus.“

Es wurde ein ganz interessanter Abend. Wintzig erzählte von ihrem gestrigen Besuch der romanischen Kirche in Hilden, sprach kurz über die alten Straßen, die sich im Nachbarort kreuzten, und lächelte dabei Friedhelm zu, dem Straßenkenner. Der Gegensatz zwischen Gudrun und Hilde Wintzig hätte größer nicht sein können. Gudruns dunkle, lebendige Augen, ihr volles, dunkles Haar – und Hilde Wintzig blassblond mit blassblauen Augen. Dass Neid im Spiel sein konnte bei der Anschuldigung Hildes, schien Ruth plausibel. Ansonsten hatte sie den Eindruck, dass die Dreiergruppe, die hier zusammensaß, ein Herz und eine Seele war – den Eindruck vermittelten sie, oder versuchten sie es nur?

Ruth wurde aufgefordert, etwas über die Kirchen zu sagen, die sie erwähnt hatte. Es fiel ihr leicht, sie war vorbereitet. Auch sie konnte – mit einem Lächeln zu Friedhelm – von einer alten Straße berichten, von der „hilige straat“, ein Prozessionsweg, der von Essen-Werden über Hösel, Ratingen, Kalkum nach Kaiserswerth zur Suitbertus-Kirche verlief. Natürlich erwähnte sie ihre Quelle: den Düsseldorfer Geschichtsverein. Die drei Juffern streifte sie nur kurz, da war sie nicht sattelfest. Ihre Erwähnung fand aber Beachtung, sie wurde mit einem dreieinigen Lächeln von Gudrun, Wintzig und Friedhelm quittiert. „Drei-Frauen-Legenden“ gehörten wohl zum Wissensfundus des Geschichtsvereins.

Friedhelm ergänzte einiges zu den Straßen und dann begann der legere Teil des Abends. Eine der jungen Frauen, die nur abends in der Cafeteria bedienten, nahm die Bestellungen auf – es durfte auch Alkohol sein. Alle versuchten ein paar Worte mit Ruth zu wechseln. Man freute sich anscheinend über einen zu erwartenden Zuwachs.

Ruth hatte Zeit, sich umzusehen. Der „Raum Wuppertal“ lag nahe beim Großen Salon, er war im Gegensatz zu anderen Räumen im Haus am Kirchberg recht schlicht eingerichtet. Außer dem großen Tisch und den Stühlen gab es nur ein ziemlich altes Sideboard. Ruth wusste von der Literatur- und von der Singgruppe, dass sie diesen Raum auch nutzten.

Freitag, 18. November 2016

Unter Verdacht Leseprobe Nr. 7

 Unter Verdacht Kapitel 5
„Hallo Frau Bergmann, wir haben uns ja lange nicht gesehen, wie geht’s denn?“ Frau Blumenthal, Irmi Blumenthal, kam auf Ruth zu und schüttelte ihr beide Hände.
„Ich habe mich auch gefragt, wo Sie sind – sonst liefen wir uns doch öfter mal über den Weg“, sagte Ruth. Sie freute sich, die Nachbarin wiederzusehen; es kam vor, dass man einander gar nicht mehr wiedersah.
„Es liegt an mir, ich hatte eine Einladung zu einer Rundfahrt über die Kanäle im Osten und das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Anschließend bin ich in Lüneburg am Elbe-Seitenkanal hängengeblieben und so vergeht die Zeit.“
„Beneidenswert“, sagte Ruth und beneidete Irmi Blumenthal wirklich. Wie lange hatte sie nicht mehr auf einem Boot gestanden oder gar damit eine Fahrt unternommen. Vorbei.
„Davon müssen Sie mir unbedingt mehr erzählen“, sagte sie und die beiden Damen ließen sich auf den rosengeblümten Sesseln in der Halle des Hauses am Kirchberg nieder.
Irmi Blumenthal legte los, außer Ruth kannte sie niemanden, der sich für Boote interessierte. Sie hatten beide zusammen mit ihren Ehemännern eine praktische Elf-Meter-Yacht gehabt, nicht zu groß und nicht zu klein. Fahrten durch die Kanäle, mal in Deutschland, mal durch Frankreich, hatten auch Ruth und ihr Klaus genossen.
Irgendwann wurden die Kehlen trocken und man bewegte sich in Richtung Cafeteria. Ruth schilderte die Weimar-Fahrt und die Folgen. Irmi Blumenthal aber wunderte sich nicht, dass es Gloria Molenbeck „erwischt“ hatte, wie sie sagte.
„Die Gute war ein wenig zu sehr von sich überzeugt. Eigentlich sind wir alle aus dem Alter heraus, dass wir uns für das andere Geschlecht interessieren, auch wenn man den einen oder anderen schon mal etwas näher kennenlernt. Bei Frau Molenbeck war es nicht der eine oder andere, sondern gleich eine ganze Hand voll.“
Ruth merkte auf und hoffte, dass ihre Begleiterin etwas mehr wüsste. Die ließ sich nicht bitten, sondern erzählte gleich weiter: „Der armen Frau Wintzig hat sie den Herrn Angerhaus ausgespannt und der ließ sich das gern gefallen. Ist ein flottes Kerlchen, wenn ich das mal so sagen darf.“ Ruth wusste nicht so recht, was sie sagen sollte, entschloss sich aber schnell, damit herauszurücken, dass auch sie Herrn Angerhaus’ Gesellschaft zu schätzen wisse. „Er hat enorme Geschichtskenntnisse“, fügte sie an, um keinen anderweitigen Verdacht aufkommen zu lassen.
„Ja, das stimmt, er hat mal einen Vortrag über Straßen gehalten, wie heißen sie doch gleich?“
„Gerade Straßen, vorwiegend wohl in England vertreten.“
„Ja, richtig, ‚Gerade Wege in England‘, das war sein Thema. Ist etwas länger her. Frau Wintzig hing an seinen Lippen, sie ist wohl auch in diesem Geschichtsverein. Ebenso die berühmt-berüchtigte Gloria.“
„Wieso denn berühmt-berüchtigt?“
„Wissen Sie das nicht? Sie hat mit Frau Kolb zusammen Séancen veranstaltet, keine Ahnung, wer da sonst noch teilgenommen hat. Ich jedenfalls nicht – Firlefanz.“
Die beiden Hexen. Da war es wieder. Nicht die Schwestern, sondern Gudrun und Gloria? Oder?
„War Frau Wintzig denn auch dabei?“
„Keine Ahnung. Sie scheint mir ein bisschen zu langweilig dafür zu sein, aber wer weiß? Es heißt übrigens, dass sie mal eine Zeitlang in der Praxis von Frau Dr. Molenbeck gearbeitet hat.“
„Die seltsamsten Verwicklungen gibt es hier im Haus“, sagte Ruth, „auch uns verbindet ja etwas, was sonst niemanden interessiert.“ So kamen sie wieder zu den Erinnerungen an frühere Zeiten zurück. Dass sie selbst an einer Séance teilgenommen hatte, zusammen mit Gloria und Gudrun, erwähnte Ruth nicht. Mit berühmt-berüchtigten Damen wollte sie lieber nicht in Zusammenhang gebracht werden.

Wer waren nur diese verdammten Hexen? Mit dem Wort Hexen hätte Ruth jetzt am ehesten die Damen und Herren vom Geschichtsverein verbunden. Da musste sie ansetzen, wenn sie weiterkommen wollte. Wer genau dazugehörte, wusste sie nicht, sie musste also mit Angerhaus Kontakt aufnehmen. Zunächst einmal telefonisch.

„Herr Angerhaus, wir haben letztens darüber gesprochen, wer Gloria Molenbeck in Weimar erstickt haben könnte, sollten wir uns nicht noch einmal darüber austauschen?“
„Nichts lieber als das. Wir könnten uns mal abends zusammensetzen, nicht gerade bei Kerzenschein, aber bei einem Gläschen Wein.“
„Gut, dann vielleicht gleich heute Abend – um acht Uhr?“
„Abgemacht.“

„Lieber Herr Angerhaus, wer gehört eigentlich alles zu Ihrem Geschichtsverein?“ Ruth konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. Angerhaus gab bereitwillig Auskunft.
„Von denen, die Sie von der Reise her kennen, Frau Kolb natürlich, die Initiatorin, dann Hilde Wintzig, das Ehepaar Overkamp. Die arme Gloria und meine Wenigkeit. Darüber hinaus ein weiteres Ehepaar, gelegentlich Ingeborg Heltrup.“  Er war ganz stolz, dass es doch eine größere Gruppe war, die zum Geschichtsverein gehörte, es hätte für einen „richtigen“ Verein gereicht.
„Ach, Frau Bergmann, könnten wir uns nicht duzen? Ich weiß, dass Sie die Initiative ergreifen sollten, aber mir würde es gefallen, wenn Sie ja sagen würden. Und in unserer Geschichtsrunde duzen wir uns sowieso fast alle.“
Ruth hatte ganz und gar nichts dagegen, sie fand Angerhaus sehr nett. Sie hob ihr inzwischen gefülltes Weinglas und meinte: „Ja, gern, lieber Friedhelm, das ist doch dein Name? Das ist aber noch nicht der Einstieg in deinen Geschichtsverein.“
Was Hexen betraf: Weder Gudrun Kolb noch Hilde Wintzig konnte Ruth sich auf dem Blocksberg vorstellen. Sollte der Geschichtsverein also eine Sackgasse sein? Sackgasse statt geradem Weg.

Na, wenn schon, Friedhelm immerhin war ein Gewinn – natürlich wegen seiner interessanten Geschichtskenntnisse. Und um ihm eine Freude zu machen, fragte sie ihn nach den geraden Wegen und ob es die auch in Deutschland gebe?
„Aber ja, auch hier in Deutschland gibt es viele gerade Wege. In England hat man sie besser erforscht. Dort bilden sie Verbindungen zwischen Kultstätten und Kirchen – hier gibt es zum Beispiel die Totenwege.“
„Was ist denn das? Totenwege? Seht ihr Gespenster?“
„Nein, nein, das sind gerade Wege, auf denen man Verstorbene zu Friedhöfen gebracht hat. Wir haben mal einen Ausflug zu einem solchen Weg gemacht. Von Niederkrüchten nach Odilienberg.“
„Ihr wart im Elsass?“
„Nein, nicht im Elsass, der Weg liegt am Niederrhein. Schnurgerade führt er von Niederkrüchten über die Grenze nach Holland, nach Odilienberg.“
„Diese Heilige scheint mehrere Verehrungsstätten zu haben.“
„Ja, hat sie. Ich glaube, dass dir unsere Treffen und unsere Ausflüge gefallen werden.“
Treffen und Ausflüge mit Angerhaus – warum nicht?
„Aber was hat es mit den Totenwegen auf sich?“
„Darüber gibt es verschiedene Meinungen. Die Nächstliegende ist, dass die Toten an einer geheiligten Stelle beerdigt werden sollten, denn nicht jedes Dorf oder vielmehr jeder Weiler hatte eine Kirche und einen Friedhof.“
„Und was weiter?“
„Ja, das geht schon eher zurück in frühe Zeiten: Man wollte verhindern, dass der Tote zurückkehrte in seine Heimatgemeinde.“
„Aber auf geraden Wegen hatte er es besonders leicht, denke ich.“
„Klingt logisch, aber es gibt verschiedene Theorien dazu und über so etwas reden wir im Geschichtsverein.“
Na, warte, wozu gibt es Google, dachte Ruth und ließ von Friedhelm ab. Sie blickte sich in der Cafeteria um und sah die Augen von Hilde Wintzig auf sich gerichtet. Sie hatte schon seit einer Weile das Gefühl gehabt, dass Friedhelm und sie unter Beobachtung standen, hatte es aber abgeschüttelt. Nun fragte sie sich natürlich, galt das ihr oder galt es Friedhelm. Vielleicht störte es Frau Wintzig, dass Angerhaus mit ihr zusammensaß. Sicher wüsste sie gern, was da beredet wurde. Hatte Irmi Blumenthal nicht erzählt, dass Hilde Wintzig recht eifersüchtig gewesen war, was Gloria betraf.
„Wir treffen uns hin und wieder auf ein Gläschen Wein und reden auch über Themen, die nichts mit Geschichte zu tun haben. Allerdings, da fällt mir gerade ein: Wie wäre es mal mit einem kleinen Trip nach Hilden, da gibt es eine sehr schöne romanische Kirche, leider nicht so bekannt wie andere. Es lohnt sich.“
„Ja, warum nicht? Ist ja nicht allzu weit.“

Mittelalter, Hexen – Ruth kam nicht los von dem leidigen Thema. Dabei hatte Friedhelm es nicht einmal erwähnt – er gehörte lediglich einem Geschichtsverein an. Es war ihre eigene üppige Fantasie, die immer wieder bei diesem Reizwort landete. Nein – der Stachel bestand darin: Es waren Evelines Worte gewesen.